Experimente in der Fotografie
Silhouetten-Fotografie
Eine Silhouette zeigt, indem sie verbirgt. Das ist ihr eigentliches Paradox. Je weniger man von einem Motiv preisgibt, desto deutlicher tritt seine Form hervor. Details verschwinden, Umrisse bleiben – und genau in dieser Reduktion liegt die Spannung, die mich an der Silhouettenfotografie immer wieder reizt.
Meine Serien schaue ich mir nicht sofort an. Ich lasse sie liegen, meist ein halbes Jahr, manchmal länger. Das hat einen Grund: erst mit Abstand sehe ich, wohin mich eine fotografische Reise eigentlich geführt hat. Denn in der Zwischenzeit entwickle ich mich weiter – als Fotografin verändert sich mein Blick, meine Ansprüche verschieben sich, und was mir beim Auslösen wichtig erschien, ist Monate später nicht mehr zwangsläufig das, was ich im Bild zuerst sehe. So betrachte ich eigene Aufnahmen manchmal wie die einer Fremden; mit einer Distanz, die neue Lesarten zulässt. Die Überraschung kommt genau daraus – wenn ein Bild, das ich beim Aufnehmen kaum beachtet hatte, plötzlich das Interessanteste der ganzen Serie ist. So auch bei den Aufnahmen, auf die ich kürzlich in meinem Archiv stieß. Eine kleine Versuchsanordnung aus dem heißen Berliner Sommer 2024.
Mit dem 85-mm-Objektiv und dem Monochrom-Modus meiner Kamera machte ich mich auf den Weg zum Tempelhofer Feld; jenem ehemaligen Flughafen mitten in der Stadt, wo Start- und Landebahnen längst Radwegen und Wildwuchs gewichen sind. Ein Ort, der selbst schon ein Kontrast ist. Die Natur holt sich das zurück, was Beton ihr einst genommen hat.
Mein Blick galt zunächst nicht den Menschen, sondern den Pflanzen, die sich durch die Fugen des Betons kämpften. Ich hockte mich hin, brachte die Kamera auf eine Höhe, aus der man die Welt selten sieht – knapp über dem Boden, dort, wo sonst nur Kleintiere und Insekten den Blick haben.
Doch eine Silhouette allein, so lehrreich sie sein mag, bleibt oft ein stilles Bild. Ich wollte der Szenerie etwas Unruhe einschreiben, etwas, das sich bewegt, während der Rest stillsteht. Also wartete ich auf vorbeifahrende Radfahrer, Spaziergänger, das gelegentliche Vorbeiziehen von jemandem, der nicht wusste, dass er gerade Teil eines Bildes wurde.
Der Monochrom-Modus ist dabei kein nachträglicher Effekt, sondern Teil des Sehens selbst. Schon auf dem Display – noch bevor ein Bild überhaupt entsteht – zeigt sich, welche Form sich als Silhouette eignet und welche im Graustufenbild eher verschwimmt. Farbe kann ablenken, kann ein Motiv attraktiv erscheinen lassen, das in Wahrheit keine klare Kontur hat. Ohne sie bleibt nur die Frage, die für Silhouetten entscheidend ist: Trägt die Form allein das Bild? Für mich ist das ein Stück vorweggenommene Bildbearbeitung im Moment der Aufnahme; ich sehe im Sucher bereits, was später zählt.
Das 85-mm-Objektiv ist eigentlich für Porträts gedacht, nicht für Landschaften oder Straßenszenen. Genau darin lag für mich der Reiz, zu sehen, was ein Werkzeug leistet, wenn ich es zweckentfremde. Es sind oft diese kleinen Regelverstöße, die neue Bilder möglich machen. Nicht die perfekte Ausrüstung für die perfekte Aufnahme, sondern die falsche Linse am richtigen Ort.
Das eigentliche Prinzip der Silhouette kehrt sich in diesen Bildern fast um. Klassischerweise ist die Silhouette das scharf konturierte Element vor einem diffusen Grund. Hier ist es umgekehrt: die Gräser im Vordergrund stehen messerscharf, fast grafisch, während die Radfahrenden im Hintergrund zu reiner, unscharfer Form zerfließen; ein Kopf, ein Rücken, zwei kreisrunde Laufräder, mehr braucht es nicht, damit das Auge „Fahrrad“ und „Mensch“ liest. Die Schärfeebene liegt also nicht auf der Silhouette, sondern vor ihr. Genau das macht die Bilder interessant: Die Form trägt sich selbst, auch ohne Kontur im klassischen Sinn.
Was bleibt, ist keine abgeschlossene Serie, sondern eine Frage, die ich mir seither oftmals stelle: wie viel von einem Ort zeigt man, wenn man ihn auf seine Umrisse reduziert und wie viel davon bleibt trotzdem sichtbar?
Leyla Dirim
Berlin, 15. April 2025
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